Gemeinsam mehr sein

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie wir das Leben gemeinsam gestalten können. Auf uns achten und dennoch jeder für sich sein kann. Das ist gar nicht so einfach.

Das bedeutet nämlich erstens miteinander reden, denn ohne von einander zu wissen und sich auszutauschen bedeutet, dass es schnell Konflikte gibt. Der eine etwas anfängt und der andere es gleich boykottiert. Zweitens braucht jeder seinen Raum. Im Inneren und für einige eben auch im Außen.

Besonders schwierig wird es, wenn gewichtige Entscheidungen im Außen gefällt werden. Ich war häufig sehr traurig darüber. Ich hatte häufig das Gefühl „Erwachsene“ in uns entscheiden für mich mit. Obwohl wir doch mitreden dürfen sollten. Ich, Malu, bemerke ich bin älter und reifer geworden. Das muss nicht für jeden in uns gelten. Bei mir jedenfalls ist es so. Und ich habe das Gefühl viel bewirken zu können und ernst genommen zu werden. Und ich spreche in Dankbarkeit darüber, dass ich zum Beispiel diesen Blog eröffnen durfte. Ohne ein Mitwirken von anderen oder zumindest ohne die notwendige Toleranz, wäre das nicht möglich. Es war ein steiniger Weg.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass wir schon lange in Therapie sind. Das ist aber ein Thema für sich und für jeden von uns eine echte und individuelle Herausforderung.

So haben wir es geschafft, dass jeder seine Dinge besitzen kann. Seine Ecke hat oder die Wohnung mitgestaltet. Das ist schon mal lustig, wenn Amazon & Co. uns personalisierte Werbung zukommen lässt. Man hat den Eindruck eine ganze Familie oder eine WG lebt hier. Und so ist es irgendwie.

Für einige ist es sehr schwer. Für andere ist es leichter. Einige Dinge lassen sich leichter gestalten, andere scheinen unüberwindbar. Nicht jedem war bewusst, wie alt der Körper ist oder welches Geschlecht er hat. Für den ein oder anderen ein echtes Problem oder immer wieder ein Problem.

Eine/r sich verliebt und jemand anders das nicht cool findet. Die eigene Identität kann schon mal ins schleudern geraten, wenn Dinge im Außen geschehen, die nicht dazu passen oder Gefühlswelten auftauchen, die aus dem Nichts zu kommen scheinen und einen regelrecht hinaus befördern.

Unser Kleiderschrank oder auch Bücherregal bietet für mehr als eine Person etwas. Auch was Filme oder Serien angeht. Je nachdem wer da ist, entscheidet sich, was geschaut wird. Sind Kinder anwesend, gibt es keine gruseligen Filme. Einige stehen auf Romantik, andere auf Action.

Wir lernen immer mehr Eigenschaften der anderen kennen. Gestiken, Stimmen, Sprechweisen, Vorlieben, Ängste. Wir bemerken, wenn wer anders dazu kommt. Oder wir wissen wer spricht, wenn eine für diese Person typische Bemerkung kommt. Wir reden viel und laut miteinander. Wir müssen darauf achten, dass nicht noch andere Menschen um uns herumstehen, wenn dies geschieht. Das kann auch mal peinlich werden. Nicht alles findet so nur im Kopf statt.

Unangenehm wird es auch, wenn der Körper oder Teile von ihm, einem nicht mehr gehorchen. So stehe ich manchmal da und ich spüre einen Arm nicht mehr oder die Beine verlieren an Kraft. Bis ich das Gefühl habe keine Kontrolle mehr über diese zu haben. So rufe ich dann hinein und sage „geh rechts, geh links, geh schneller“. Auch wenn es nicht immer hilft.

Sich zu erinnern kann sehr schwer fallen. Oder sich überhaupt an etwas zu erinnern. Ereignisse oder Entscheidungen sich zuzuordnen. Die eigene Biografie ein Scherbenhaufen. Episodenhaft. Häufig haben wir das Gefühl, dass vieles nicht mit uns zu tun. Das hat der ein oder andere gewollt, nicht aber ich. Ich habe manchmal das Gefühl Jahre sind an mir vorbeigegangen.

Das ganze außen, vor anderen, zu verstecken ist nicht einfach. So gibt es Personen, die, früher mehr als heute, Situationen kontrollieren, andere unterdrücken und hinauswerfen. Es wird verdrängt und vergessen. Häufig ist es auch „nur“ eine schnelle Reaktion auf eine vielleicht schwierige Situation. Und zack, ist wer anders da. Ich habe gelernt, dass es auch dem Schutz dient. Heute kann das sehr weh tun und wir versuchen dies möglichst ohne „Gewalt“ in uns zu regeln. Denn diese Gewalt mussten wir früher oft genug über uns ergehen lassen.

Deshalb habe ich den Blog „mehr sein“ genannt. Nicht nur als Anspielung auf mehrere sein, sondern, dass jeder irgendwie sein kann. Denn viele konnten es früher nicht, oder nicht so, wie es gut für sie gewesen wäre. Nicht glücklich. Nicht frei. Wir wollen mehr sein. Und vor allen Dingen mehr sein, als sich manch einer vielleicht bei einer Diagnose wie die der dissoziativen Persönlichkeit denkt. Kaum einer, der sich nicht damit beschäftigt hat oder noch besser aus erster Hand erzählt bekommt, was das bedeutet, vielleicht auch eben ganz individuell, hat eine echte Vorstellung davon. Hollywood ist keine gute Quelle. Oder das Internet an vielen Stellen.

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Malu

Hi, ich habe diesen Blog gegründet und schreibe unter den Namen Malu. Wir sind eine dissoziative Persönlichkeit und daher mehr als nur eine(r). Mein Anliegen ist es anderen Menschen einen Einblick zu geben, was es heißt als solche miteinander im Innen und Außen zu leben. Und das so individuell wie eben wir sind.

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